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Freigang

Sicher ins Abenteuer

Katzen | Donnerstag, 28. April 2016, Gabriele Müller

Im Frühling zieht es die Katzen wieder mit aller Macht nach draussen. Der Freigang birgt aber auch Gefahren. Worauf muss ein Halter achten? Wie kann er sein Tier schützen?

Freigang für die Katze – ja oder nein? Was für die einen Sicherheit und Geborgenheit bedeutet, ist für die anderen nichts als ein Leben im goldenen Käfig. Was manche Katzenhalter als einzige artgerechte Haltung betrachten, ist für andere geradezu verantwortungslos. Cornelia Suess Bosshard, diplomierte tierpsychologische Beraterin aus Rosshäusern BE, sieht die Sache differenziert. «Bei sehr langhaarigen Tieren, deren Fell verfilzt, bei Nacktkatzen, denen ein Sonnenbrand droht oder bei anderen seltenen Rassekatzen, die von Diebstahl bedroht sind, ist es vernünftig, dass sie drinnen bleiben.»

Dasselbe gelte für Tiere, die in einer sehr verkehrsreichen Gegend lebten. Wichtig sei, dass die Tiere genügend Raum und Zugang zu den meisten Zimmern hätten. Frische Luft auf einem gesicherten Balkon, Rückzugsorte, Spiel- und Klettermöglichkeiten, hoch gelegene Aussichtsplätze und eine Sozialpartnerin trügen ebenfalls zum Wohlbefinden der Wohnungskatzen bei.

Wann ist das Büsi geschlechtsreif?
Und wenn nun jemand seiner Katze Freigang gewähren will? Worauf muss der Halter achten und wie kann er sein Tier vor Gefahren schützen? Suess Bosshard rät, ein Jungtier mindestens zwölf Wochen bei seiner Mutter zu lassen. Sinnvoll sei auch, die kleinen Katzen im neuen Zuhause frühstens nach weiteren zwei bis drei Monaten nach draussen zu lassen: «Ausser es sind Bauernhofkätzchen, die wahrscheinlich früher hinausdrängen.»

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Frage der Geschlechtsreife, die bei Katern durchschnittlich zwischen dem achten und zehnten Monat, bei Kätzinnen zwischen dem sechsten und zwölften Monat eintritt. So mancher Halter einer jungen Katze wurde schon damit überrascht, dass sein «Katzenkind» bereits selber Mutter wurde. Daher raten manche Tierschutzvereine, Katzen erst nach der Kastration in Freigang zu lassen. Dass sie dann geimpft und mit Chip gekennzeichnet sein sollten, versteht sich von selbst. Gerade Jungtiere verlieren sich im Eifer des Spielens oder Jagens und finden nicht immer den Weg zurück in ihr Zuhause.

Zusätzlich zum Chip mit der Registriernummer, sollten Halter über ein Halsband mit Adresskapsel nachdenken, empfiehlt Suess Bosshard. Sie kennt die Vorbehalte gegenüber Halsbändern, ist aber überzeugt davon, «dass sich die heutigen Verschlüsse sofort nach etwas Zug lösen und nicht mehr die Gefahr bergen, dass die Katze sich würgt oder irgendwo hängen bleibt».

Aber wie kann der erste Freigang vorbereitet werden und wie kann der Halter seiner Katze beibringen, dass sie immer wieder nach Hause kommt? Auch dafür hat die Tierpsychologin einen Rat: «Die ersten paar Gänge nach draussen sollten begleitet stattfinden.» Dabei kann die Katze alle Ein- und Ausgänge kennenlernen. Bewährt habe sich auch der Trick, dem Tier vor den ersten paar Freigängen etwas weniger Futter zu geben, denn «eine hungrige Katze kommt lieber wieder nach Hause, wo sie ihr geliebtes Futter bekommt.» Wer seiner Katze das «Primärheim», also den Ort, wo sie Futter und Streicheleinheiten bekommt, mit Rückzugsorten und Spiel- und Jagdmöglichkeiten so attraktiv wie möglich gestaltet, trägt ebenfalls dazu bei, dass seine Katze zuverlässig wiederkommt. Kehrt das Büsi von seinem Ausflug in die grosse weite Welt zurück, sollte es ausgiebig gelobt und gestreichelt werden, damit das gewünschte Verhalten verstärkt wird.

Revierkämpfe, Infektionen und Verkehr
Wer übrigens denkt, eine Katze, die draussen herumstromert, müsste nicht mehr beschäftigt werden, der liegt gemäss den Worten der Katzenexpertin falsch. «Auch bei Freigängern ist das aktive Spielen mit der Katze nicht zu vernachlässigen, damit der angeborene Trieb ausgelastet wird.» Und nicht zuletzt stärke auch das Spiel die Bindung an Mensch und Heim.

Freigang bedeutet nicht nur Freiheit und Abenteuer, sondern auch Revierkämpfe und ein höheres Risiko für Verletzungen, Infektionen und Parasiten. Zudem besteht vor allem bei jungen und neugierigen Katzen die Gefahr, dass sie in Kellern, Schuppen und Scheunen oder auf Baustellen versehentlich eingeschlossen werden. Todesfalle Nummer eins ist laut Suess Bosshard aber der motorisierte Verkehr. Doch auch wer in einer ruhigen Gegend wohne, tue gut daran, seine Katze mit dem Strassenverkehr vertraut zu machen. Die Tierpsychologin rät, die Katze im sicheren, mit einem Tuch abgedeckten Transportkäfig zum Strassenrand zu tragen und einige Autos vorbeifahren zu lassen. «Dann wird die zur Strasse gerichtete Seite des Käfigs aufgedeckt, damit die Katze die Lärmquelle sieht. Danach geht der Halter so nach Hause zurück, dass das Tier immer noch Sicht zur Strasse hat und deren Lage kennenlernt.» Das Ganze wird nach zwei bis drei Tagen wiederholt. Wichtig ist dabei, dass der Halter nicht spricht, um nicht unbeabsichtigt Reaktionen der Katze zu verstärken.

Wer berufstätig und tagsüber ausser Haus ist, kann seine Katze in der Regel nur am Morgen raus- und am Abend wieder hereinlassen. Für die Katze ist das laut Suess Bosshard frustrierend: «Das macht wütend, traurig, ängstlich. Die Katze miaut vor verschlossener Türe, kratzt und versucht bei oder mit den Nachbarn hineinzukommen.» Viel tiergerechter sei es, wenn die Katze mittels Katzentürchen selbstständig ein- und ausgehen könne: «Das entspricht der Eigenständigkeit der Katze am besten. Viele Miezen lieben es, Kontrollgänge in ihrem Revier zu machen, aber dann auch wieder in der geschützten warmen Stube zu schlafen.»

Die Gewöhnung an das Türchen geht in der Regel recht schnell und auch die vorsichtigste Katze lernt, wie sie durch die Klappe kommt. Misstrauischen Tieren kann man helfen, indem anfangs das Türchen entfernt wird. Später, indem man die Klappe mit dem Finger offen hält und/oder mit einem Leckerli lockt. Chipgesteuerte Klappen bergen die Gefahr, dass bei zu schnellem Hindurchwollen die Türe verschlossen bleibt, da der Chip nicht so schnell gelesen werden kann. «Für eine Katze ist das ein traumatischer Moment, gerade wenn sie vor etwas fliehen und Zuschlupf in ihrem Heim suchen will. Deshalb rate ich zu magnetgesteuerten oder manuell einstellbaren Türchen», sagt die Expertin. So mancher Halter, der morgens früh schon mit nackten Füssen auf ein «Geschenk» getreten ist, das mausetot vor dem Bett lag, kann sich mit einer Katzentüre nicht wirklich anfreunden, durch die die Katze Beute hineinbringt. Aber, so Suess Bosshard, «da hilft nur, das still zu ignorieren, nicht zu schimpfen, nicht zu loben.»

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