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Katzen und ihre Krallen

Die Grenze zwischen Spiel und Kampf

Katzen, Haustiere | Mittwoch, 11. Mai 2016, Andrea Trueb

Spielerisches Gerangel von einem ernsthaften Kampf zu unterscheiden, ist auch für erfahrene Katzenhalter nicht immer einfach. Entscheidend ist die grundsätzliche Beziehung zwischen den betreffenden Katzen.

Keuchendes Gerangel auf dem Wohnzimmerteppich, Haare fliegen büschelweise durch die Luft: Spielen die beiden Katzen oder ist es ein ernsthafter Kampf? Auf den verschiedenen Katzenfreunde-Portalen im Internet ist diese Frage ein Dauerbrenner. Auch erfahrene Katzenhalter sind sich offensichtlich unsicher, ob das Gebalge ihrer Tiere ein harmloser Spass ist oder ob Verletzungen drohen. Im Katzen-Forum «Netz-Katzen.de» sind sich die Mitglieder immerhin so weit einig: Solange kein Blut fliesst, ist alles in Ordnung. 

Wirklich? «Damit bin ich nicht einverstanden», sagt die Verhaltensmedizinerin Ruth Herrmann mit Praxis in Olten: «Es braucht recht viel, bis es blutet und auch ohne blutige Verletzungen können Tiere bereits ernsthaft gestresst sein.» 

Spiel sei meist lautlos und ausserdem würden in einem Spiel die Rollen immer wieder getauscht. Einmal renne die eine Katze davon und die andere hintennach und dann umgekehrt, sagt Herrmann. «Wenn immer dieselbe gejagt wird, muss man sich Gedanken machen. Fliegende Haarbüschel sind ein Anzeichen dafür, dass eine sehr aggressive Auseinandersetzung geführt wird. Passiert das hin und wieder, muss man sich noch keine Sorgen machen. Die Regel sollte es aber nicht sein.»

Mit einem Spielzeug ablenken 
Wenn man beobachte, dass eine Katze in Ruhe gelassen werden möchte, aber von ihrem «Gspänli» gejagt werde oder dieses ihr ständig auflauere, solle man den Störenfried etwa mit einem Spielzeug ablenken, rät Herrmann. Auch wenn eine Situation eskaliere und ein heftiger Kampf entbrenne, sei Ablenkung sinnvoll: «Ruhig und besonnen mit einem Gegenstand den Blickkontakt der Katzen unterbrechen.» Ein Kissen zu werfen oder gar zu schreien sei hingegen kontraproduktiv: «Die Katze erschrickt und bringt dieses schlechte Gefühl möglicherweise mit der anderen Katze in Zusammenhang, was die Beziehung noch mehr verschlechtert.»

Laut Herrmann ist die Katze, die faucht, meist diejenige, die Angst hat. Wobei diejenige, die faucht und angreift nicht unbedingt die ist, die mit dem Streit «angefangen» hat. Nicht selten gingen einem offensichtlichen Angriff nämlich subtile Provokationen voraus wie etwa ein für Katzen äusserst unhöfliches «Anstarren». 

Wer herausfinden will, ob er eine Balgerei ernst nehmen muss oder nicht, sollte laut Herrmann unbedingt die Gesamtsituation beziehungsweise die grundsätzliche Beziehung der betreffenden Katzen betrachten. Liegen die Tiere auch einmal mit Körperkontakt beieinander, reiben sich aneinander oder lecken sich gegenseitig das Fell, kann sich der Halter glücklich schätzen. Seine Katzen sind Freunde oder zumindest auf dem besten Weg dazu – auch wenn sie sich zwischendurch einmal streiten. 

Immer noch gut ist, wenn die Katzen im Alltag «irgendwie aneinander vorbeikommen». Das kann bedeuten, dass die Tiere durchaus einmal auf demselben Sofa sitzen oder nebeneinander fressen können, ohne sich übereinander zu ärgern oder aneinander zu freuen. «Die Katzen können etwa in einem schmalen Gang ohne Probleme aneinander vorbeigehen und sich in Gegenwart der anderen entspannen», präzisiert Herrmann: «Das deutet auf gleichgültige, aber friedliche Wohngenossen hin.» Trotzdem sollte man auch hier darauf achten, dass beide Katzen genug Ruheplätze, Ausweichmöglichkeiten, Zugang zu Futter und nicht zu vergessen zu ausreichend Katzentoiletten haben.

Schlecht sieht es aus, wenn eine Katze dauernd gestresst wirkt. Wenn sich beispielsweise die eine Katze nicht mehr ans Futter oder in ein Zimmer hineintraut, wenn die andere Katze vor Ort ist. Möglicherweise kommt es gar nicht zu Kämpfen, weil sich die ängstliche Katze völlig zurückzieht.

Den Kontakt nicht forcieren
Wer zum Schluss kommt, dass sich seine Katzen insgesamt eher nicht mögen, muss aber nicht vorschnell verzweifeln. Laut Herrmann gibt es durchaus Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Zwar würden aus unversöhnlichen Kampfkatzen mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Schmusetiger, aber zu gleichgültigen Wohngenossen könnte es möglicherweise reichen. Wichtig sei etwa, dass wichtige Ressourcen wie Futter, Trinken, Katzentoilette und Ruheplätze im genügenden Mass vorhanden und für alle Katzen erreich- und nutzbar seien, auch wenn die eine beispielsweise nicht an der anderen vorbeigehen kann. 

Das kann für einen Wohnungsinhaber bedeuten, dass er einen erhöhten «sicheren» Pfad bauen muss, sodass vielleicht die eine Katze den engen Gang zum Fress- oder Schlafzimmer auf einem Regal überquert und die andere auf dem Boden. Auch Rückzugsmöglichkeiten, wo eine der beiden nicht hin kann, sind wichtig. «Eine vollgestellte Wohnung ist in diesem Zusammenhang günstiger für die Tiere als eine karg eingerichtete.» Wichtig sei auch, die Tiere genügend zu beschäftigen: «Katzen sind Jäger, sie brauchen Stimulation und müssen ausgelastet sein.» Ausserdem braucht die Beziehungspflege Geduld: «Bis aus gleichgültigen Katzen Freunde werden, kann viel Zeit vergehen. Wenn sich zwei überhaupt nicht verstehen, muss man früh reagieren.» Den Kontakt zu forcieren, ergebe in den meisten Fällen keinen Sinn.

Was will ich meinen Tieren zumuten?
Als Halter müsse man sich bewusst sein, was man tue und darauf achten, was man seinen Tieren zumute, betont Herrmann. Wobei Wohnungskatzen anfälliger für Störungen seien: «Freigänger sind sich mehr gewöhnt und entsprechend flexibel. Einmal kommt die eine in einer komischen Stimmung oder mit einem ungewohnten Geruch nach Hause, dann die andere.» Reine Wohnungskatzen hätten hingegen ein viel monotoneres Leben und könnten von Veränderungen entsprechend rascher überfordert sein: «Das Büsi einer Kundin bekam den Schock seines Lebens, als sein Kollege mit einer Halskrause vom Tierarzt nach Hause kam.» Manchmal genüge es schon, wenn die eine Katze anders rieche, dass sich die beiden plötzlich nicht mehr verstünden.

Bevor man eine Katze wegen «Unverträglichkeit» in der Gruppe schweren Herzens weggebe, lohne es sich, bei einer Verhaltensmedizinerin Hilfe zu holen, sagt Herrmann. Eine Konsultation, am besten verbunden mit einem Hausbesuch, genüge in der Regel, wobei diese je nach Anbieter zwischen 150 und 300 Franken koste. 

Gut zu wissen: Bei Katzen würden Begegnungen häufig aggressiv beendet, ohne dass dies ein Alarmsignal sei, sagt Herrmann: «Mit einem Tatzenhieb zeigt die Katze: Es ist genug.» Das sei typisch für Katzen, während Hunde viel mehr Rituale hätten, die anzeigten, wann einer mit Spielen aufhören wolle. 

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