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Katzen

Tiere leben trotz Behinderung gut

1 Kommentare Katzen | Donnerstag, 9. Oktober 2014, Gabriele Müller

So mancher Mensch fragt sich, ob das noch lebenswert sein kann: Eine Katze, die blind oder taub oder beinamputiert ist. Aber die Tiere kommen oft besser damit zurecht, als wir glauben.

Kater Bocelli sitzt auf dem Balkon und geniesst die Sonne. Er räkelt sich, schnurrt zufrieden. Der schwarz-weisse Jungkater ist zu seinem Namen gekommen, weil er wie der blinde Sänger Andrea Bocelli nicht sehen kann, denn er wurde ohne Augen geboren. Wer das nicht weiss, der würde schwören, dass sich der kesse Kater tatsächlich die Welt von oben anschaut. Katzen wie Bocelli, die mit einer Behinderung geboren werden, kommen oft erstaunlich gut mit ihrem Leben zurecht. Auch Tiere, die wegen eines verschleppten Katzenvirusschnupfens, wegen einer altersbedingten Erkrankung oder wegen eines Unfalls erblinden, «ersetzen» den fehlenden Sehsinn auf für uns Menschen verblüffende Weise.

Sie orientieren sich, so scheint es, nahezu perfekt mit dem Gehör, dem Geruch und mithilfe der Vibrissen, der Tasthaare am Maul und den Vorderbeinen. Und so ist es auch kein Wunder, dass Katzen wie zum Beispiel der rot getigerte vier Monate alte Sunny, der sich schon bei seiner Mutter mit Katzenschnupfen angesteckt hat und bei dem beide Augen entfernt werden mussten, auf den zimmerhohen Kratzbaum springt, als ob er alles genau sehen würde, was rund um ihn passiert.

Blinde oder sehbehinderte Tiere haben meist nur am Anfang, bei der ersten Orientierung in einer neuen Umgebung, gewisse Schwierigkeiten. Wenn sie sich einmal den Standort bestimmter Dinge oder Möbel gemerkt haben, gehen sie mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit daran vorbei und stossen nirgends an. «Das heisst aber auch, Dinge wie das Bügelbrett oder den Einkaufskorb, die man manchmal einfach in der Wohnung stehen lässt, immer wegzuräumen, weil die Tiere das ja nicht sehen können», sagt die Tierpsychologin Sonja Tschudin aus Metzerlen SO, die sich auf ihrer Website «Tierisch anders» speziell mit dem Thema der behinderten Tiere beschäftigt. Weiter rät sie Katzenhaltern: «An heiklen Stellen wie den Wänden neben Türöffnungen kann man kleine Schaumstoffpolster anbringen. So können sich die Büsis nicht verletzen, wenn sie beim Spielen den Durchgang um wenige Zentimeter verpassen.»

Apropos Spielen: Dass behinderte Katzen nicht spielen könnten, sei ein Vorurteil, sagt Sonja Tschudin. «Nur bieten sich bei blinden Katzen eben eher Spielsachen an, die Geräusche machen, knistern, rascheln, klappern – oder die duften, etwa nach Katzenminze.» Papierbällchen würden sehbehinderte Tiere mit erstaunlicher Zielgenauigkeit fangen und Spielen sei für sie genauso wichtig wie für nichtbehinderte Tiere. 

Behinderte können sich behaupten
Taube oder schwerhörige Katzen brauchen  ebenso Abwechslung. Auch wenn sie das Geräusch eines Klickers zum Beispiel nicht hören können, kann «man doch ganz einfach mit Lichtsignalen klickern, indem man den akustischen durch den optischen Reiz ersetzt», sagt Katharina Aeschimann Prevodnik. Die Inhaberin von «Animalsoul – Tierpsychologie und Bioresonanz» aus Winterthur hat nicht nur Erfahrung aus ihren Beratungen mit Haltern, sie hat selbst eine taube Katze. «Es dauerte einige Zeit, bis ich überhaupt realisierte, dass eine unserer Katzen nichts hört.» Denn in der Katzengruppe habe sie sich perfekt an den anderen orientiert. «Erst als mir etwas herunterfiel und alle anderen sich erschreckten, nur sie nicht, habe ich es gemerkt.»

Taubheit schränke das Katzenleben nicht unbedingt ein, sagt die Fachfrau. Gemäss ihren Beobachtungen kann es allenfalls zu Missverständnissen in der Kommunikation mit Artgenossen kommen. «Bei einem recht jungen und ungestümen tauben Kater, der mit zwei älteren Tieren zusammenlebte, kam es zu Streitereien, weil er eben nicht katzengerecht auf deren Abwehr- und Drohlaute reagierte. Wir fanden für ihn einen Spielkameraden, der auch taub war und das gab dann ein Happy End.» 

Generell könnten «etwas andere Tiere» gut in der Gruppe leben, findet auch die Tierpsychologin Sonja Tschudin. «Seit über zehn Jahren leben in unserem Haushalt blinde Katzen mit gesunden Katzen und Hunden zusammen. Ich habe noch nie erlebt, dass ein gesundes Tier das behinderte Tier gemobbt hätte.» Meistens würden die Behinderungen einfach ignoriert. «Man akzeptiert die Tiere in ihrer Eigenheit.»

Auch gehandicapte Tiere machen ihre Ansprüche geltend und zeigen Artgenossen ihre Grenzen, hat Tschudin erlebt: «Eine unserer Pflegekatzen fühlte sich besonders zu Zorro, dem blinden und motorisch etwas behinderten Kater hingezogen. Sie hat regelrecht auf ihn aufgepasst. Manchmal wollte sie auch mit ihm spielen – doch da verstand er dann keinen Spass, es wurde ihm offensichtlich zu viel.»

Sicher landen auf nur drei Beinen
Schwierig wird es, wenn blinde oder taube Tiere früher Freigänger waren und diese Freiheit weiterhin einfordern. Die Gefahren, die vom Autoverkehr oder von anderen Tieren ausgehen, sind gross und für gehandicapte Tiere nicht einzuschätzen. «Da bieten sich ein Balkon oder ein sicher eingezäunter Auslauf an. Manche Katzen gewöhnen sich tatsächlich auch in fortgeschrittenem Alter noch an Geschirr und Leine», sagt Sonja Tschudin.

Was viele Menschen erschreckt, ist der Anblick einer Katze, der ein Bein fehlt und die humpelt. Die betroffenen Katzen selbst stecken es scheinbar problemlos weg. Manche Tiere springen tatsächlich von Schränken oder Tischen und landen sicher auf drei Beinen. Aber ob und wie weit ein Tier mit seinem Handicap zurechtkommt, ist immer eine Frage der Schwere der Behinderung und der Lebensqualität für das Tier selbst. 

Das gilt zum Beispiel für Tiere, die an der sogenannten Felinen Ataxie leiden. Wegen einer neurologisch bedingten Bewegungsstörung taumeln und torkeln und fallen diese Katzen oft um. Das wirkt auf Menschen furchtbar qualvoll. Aber auch solche Tiere können unter Umständen lange und gut leben, nur brauchen sie mehr menschliche Hilfe im Alltag. «Ist beispielsweise der Rand der Katzentoilette zu flach, kann es sein, dass eine Ataxie-Katze umfällt. Ist er zu hoch, kommt sie nicht darüber», weiss Katharina Aeschimann Prevodnik von einer Katze ihrer Kundschaft. Da helfe manchmal nur eine Eigenkonstruktion. Auch sollten Futternäpfe rutschfest sein. Decken, Kissen, Polster und Teppiche bieten Schutz, wenn eine AtaxieKatze umkippt. 

Wer eine behinderte Katze hat, der muss nicht zwangsläufig an das Einschläfern denken. Aber er sollte wissen, dass im Alltag einiges anders zu organisieren ist als bei anderen Katzenhaltern. 

Über behinderte Katzen und den Umgang mit ihnen informieren diese Internetseiten:
www.ataxiekatze.de, www.chkittyclub.com, www.tierisch-anders.ch

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Kommentare (1)

Ochsner Susanne am 18.07.2015 um 19:29 Uhr
Ich bin seit 4 Jahren im Besitz von einem weissen Geschwisterpaar. Die eine davon ist von Geburt an taub. Sie ist ein fröhliche und verspielte Katze und obendrein eine gute Jägerin.
Sie sind beide Freigänger und überqueren sogar die Strasse. Sie setzt ihre Sinne anders ein und kommt im Freien gut zurecht.
Nur ein Nachteil hat sie, sie kann ohrenbetäubend miauen wenn sie etwas erreichen will und das schon gerne mal um 4:30 wenn sie der Hunger packt. Darum schläft sie auch bei mir im Bett, weil sie vor geschlossenen Türen miaut.
Am Anfang hat sich die hörende Katze um sie gekümmert und ihr vieles gezeigt, aber mittlerweile sind sie lieber unabhängig unterwegs.
Sie scheint trotz ihrer Behinderung sehr glücklich und zufrieden zu sein.

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