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Katze

Eine Tyrannin auf vier Pfoten

Katzen, Haustiere | Donnerstag, 17. Juli 2014 08:00, Tanja Warter, Tierärztin

Von den Wölfen kennen wir die Bezeichnung «Alpha-Tier» für den Rudelführer. Bei Katzen wurde ein ähnliches Chef-Phänomen entdeckt, unter dem Besitzer oft zu leiden haben.

Jedes Mal, wenn Esther Müller* ihre Katze Paola streichelt, baut sich eine brenzlige Spannung auf. Zuerst nimmt die Katze die freundlich gemeinte Zuwendung zwar gelassen hin, doch dann plötzlich, ohne einen erkennbaren Grund, dreht sie sich wie von der Tarantel gestochen auf den Rücken und beisst oder kratzt ihre Besitzerin in die Hand. Zwei Mal hatten sich die Bisse schon entzündet, sodass Müller zum Arzt musste. Mit neuen Streicheleinheiten wollte die Katzenliebhaberin die Gunst ihres Lieblings wieder erobern. Doch das Gegenteil ist passiert. Paola steigerte sich zusehends in ihr Verhalten hinein, das Vertrauen zwischen den beiden war bald stark angeschlagen, die Beziehung empfindlich gestört. Es hatte sich ein Teufelskreis entwickelt, der von Paola diktiert wurde.

Innert weniger Wochen hatte die Katze ihr aggressives Verhalten weiter ausgebaut. Bald fauchte und tobte sie schon, wenn Esther Müller die Tür nicht schnell genug öffnete oder das Futter nicht blitzschnell bei Aufforderung servierte. Dann kämpfte Paola mit vollem körperlichem Einsatz, biss Müller in Füsse oder Socken, attackierte ihren Oberkörper und verkrallte sich in Kleidungsstücke ihrer Besitzerin. Die fragte sich mittlerweile ganz verzweifelt: Was habe ich da nur für ein boshaftes Wesen im Haus? 

Die Forschung über Aggressionsprobleme mit Katzen steckt noch weitgehend in den Kinderschuhen. Symptome der Aggression wie bei Paola kannte man lange Zeit vor allem von Hunden, man nannte das «Dominanzaggression». Sie tritt vor allem dann auf, wenn das System der Hierarchie im Rudel aus den Fugen geraten ist und mehrere Tiere die Herrschaft an sich binden wollen. Da betroffene Katzen meist sehr selbstbewusst sind, im Sozialverband mitunter auftreten wie ranghohe Despoten, die alles kontrollieren, bezeichnet man das Phänomen in Anlehnung an Hunde oder Wölfe als «Alpha-Katze-Syndrom», manchmal auch etwas komplizierter als «durch Streicheln induzierte Aggression».

Stimmungsbarometer beachten
Auf der Suche nach der Ursache spielt die Grundpersönlichkeit des Tieres die grösste Rolle. Die Tiere setzen in der Regel Gesten, Drohgebärden und Aggressionen so ein, wie sie es auch gegenüber Artgenossen tun würden. Katzen nutzen für eine Unterhaltung neben ihrer Stimme vor allem ihren Körper. 

Echte Stimmungsbarometer sind die Ohren, die langen Schnurrhaare im Gesicht und der Schwanz. Ist die Katze gut gelaunt und entspannt, dann sind beispielsweise die Ohren nach vorn gerichtet, die Schnurrhaare in seitlicher Ruhestellung, und der Schwanz ist bewegungslos. Kommt nun ein Hund des Weges, passiert Folgendes: Die Ohren zeigen nach hinten, die Schnurrhaare werden nach vorn gefächert und der Schwanz zuckt. Jetzt ist die Samtpfote angespannt und alarmiert. Duckt sie sich zusätzlich und legt Ohren und Schwanz dicht an den Körper, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Berührungen können für den Menschen jetzt böse enden.

Der Mensch als Gesprächspartner versteht die feine Körpersprache aber häufig falsch. Werden erste Anzeichen, die bedeuten sollen «Ich möchte jetzt nicht mehr gestreichelt werden» übersehen, greifen Alpha-Katzen wie Paola zu härteren Mitteln – sie schlagen zu. Esther Müller hat inzwischen die subtile Zeichensprache geübt. Ein Drehen des Kopfes, ein Blick auf die Hand, ein verstärktes Schlagen mit dem Schwanz oder ein leichtes Zurücklegen der Ohren sind klare Hinweise, Paola besser in Ruhe zu lassen. Und: Wenn Paola das Streicheln toleriert, wird sie danach mit einer Spieleinheit belohnt. Das hilft. 

Gegen das aggressive Verhalten bei der Fütterung hat Müller einen Futterautomaten angeschafft, dessen Deckel sich zu programmierten Zeiten öffnet. So arbeitet sie sich Stück für Stück in Richtung eines friedlichen Zusammenlebens mit der Katze. Paola bekommt zusätzlich ein Trainingsprogramm für körperliche und geistige Auslastung. Dem Team Katze-Mensch geht es seither wieder viel besser, auch wenn Paola ihre Neigung zum Kommandieren nie ganz ablegen wird. Aber ins Tierheim, diese Überlegung stand ernsthaft schon im Raum, kommt sie jetzt sicher nicht mehr.

*Name geändert

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