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Tiermedizin

Wenn Muttermilch den Tod bringt

Katzen | Donnerstag, 24. Oktober 2013, Tanja Warter

Auch bei Katzen gibt es unterschiedliche Blutgruppen. Das kann fatale Folgen haben: Paaren sich Katzen, deren Blutgruppen nicht zusammenpassen,  sind die neugeborenen Babys in akuter Lebensgefahr. Wer züchten will, sollte daher gut Bescheid wissen.

Katze Minki trifft Kater Pauli. Beide sind unkastriert und kommen sich näher. Schliesslich ist Minki trächtig, und nach gut zwei Monaten finden ihre Halter fünf herzige Katzenkinder im Körbchen. Alle haben einen gesunden Appetit und laben sich sofort an der so wichtigen Erstmilch der Mutter. Minkis menschliche Familie freut das. Aber nur wenige Stunden später passiert etwas Unerwartetes. Zwei der Jungen liegen tot zwischen ihren Geschwistern. Ein drittes wirkt stark geschwächt, trinkt aber nochmals bei der Mutter, was Anlass zur Hoffnung ist. Doch dann stirbt es in der ersten Nacht. Als am Tag darauf das vierte Katzenbaby schwächer und schwächer wird, sucht Minkis Halterin den Tierarzt auf. Aber auch er kann das vierte Kätzchen nicht retten.

Was ist passiert? Der Grund für das rasche Sterben der Babys sind die verschiedenen Blutgruppen der Elterntiere. Denn insgesamt gibt es bei Katzen drei verschiedene Blutgruppen: A, B und AB. Welche Blutgruppe eine Katze hat, hängt wesentlich davon ab, zu welcher Rasse sie gehört und wo sie lebt. So haben in der Schweiz aktuellen Untersuchungen zufolge 99,6 Prozent aller Büsis Blutgruppe A und nur 0,4 Prozent Blutgruppe B. AB kommt statistisch betrachtet gar nicht vor.

In vielen Ländern dominiert Blutgruppe A. In Finnland ist sie bei 100 Prozent der Katzen zu finden, in Deutschland bei 94 Prozent und in Österreich bei 88 Prozent. Solange fast alle Kätzinnen und Kater dieselbe Blutgruppe haben, ist das Problem bei der Vermehrung klein. Aber: In Grossbritannien beispielsweise haben über 40 Prozent aller Hauskatzen Blutgruppe B.

Die sonst so wichtige Muttermilch ist Gift für die frisch geborenen Kätzchen
Blutgruppen unterscheiden sich grundsätzlich durch verschiedene Abwehrmechanismen auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen. Durch Tests wissen wir heute: Gibt man zu einer Blutprobe der Gruppe A einen Abwehrstoff der Blutgruppe B, lösen sich die roten Blutkörperchen auf. Ähnlich ist es im oben beschriebenen Fall passiert. Unsere Minki hatte Blutgruppe B, Pauli Blutgruppe A. Weil Blutgruppe A dominant ist, bekamen mehr als die Hälfte der Neugeborenen ebenfalls Blutgruppe A. Bis zu diesem Zeitpunkt besteht noch kein Problem. Erst in dem Augenblick, in dem die Kätzchen die normalerweise so wichtige Muttermilch trinken, nehmen sie jenen Stoff in sich auf, der zur Auflösung ihrer eigenen roten Blutkörperchen führt. Dieses Krankheitsbild nennt man in der Fachsprache Feline neonatale Isoerythrolyse.

In dem Augenblick, in dem die Inhaltsstoffe der Muttermilch über den Darm aufgenommen werden und in die Blutbahn der Katzenkinder übertreten, ist der Verlauf unaufhaltsam. Blutkörperchen für Blutkörperchen wird zerstört. Bei der perakuten («perakut» wird für sehr schnell auftretende und oft tödliche Krankheiten verwendet) Form sterben die Babys innerhalb weniger Stunden, ohne vorher Krankheitssymptome zu zeigen. Bei akutem Verlauf werden die Kätzchen rapide schwächer, bekommen blasse Schleimhäute, sind schwach und sterben oft innerhalb der ersten Lebenswoche.

Kriterien wie die geografische Lage und die Rasse bestimmen die Blutgruppe
Schon bei dem geringsten Verdacht müssen die Katzenbabys von der Mutter entfernt werden und Ersatzmilch bekommen. Wer das bereits unmittelbar nach der Geburt macht, kann die Jungtiere – vorausgesetzt sie sind gesund und munter – nach 16 Stunden wieder zurück zur Mutter setzen. Nach dieser Zeitspanne gelangen die Antikörper von der Mutter nicht mehr ins Blut des Nachwuchses.

Ist die Krankheit bereits ausgebrochen, gibt es kaum Hilfe. Eine Bluttransfusion könnte das Leben retten, aber selbst dafür ist oft keine Zeit. Nur wenige Kätzchen, die mit Blutgruppe A als Junges einer Katzenmutter mit Blutgruppe B geboren werden, kommen glimpflich davon: So ein seltener subklinischer (also nicht offensichtlicher) Verlauf ist später an der typischen abgestorbenen Schwanzspitze erkennbar. Aber die hat keine negativen Auswirkungen auf ein glückliches Katzenleben.

Neben der geografischen Verbreitung ist Blutgruppe B bei Zuchtkatzen auch rassenabhängig stärker oder weniger stark vertreten. Spitzenreiter mit Blutgruppe B ist die Türkische Van – 60 Prozent dieser weissen Schmusetiger haben Blutgruppe B, gefolgt von Türkisch Angora und Devon Rex mit 46 beziehungsweise 41 Prozent. Tipp für Züchter: Vor der Verpaarung die Blutgruppe der Elterntiere beim Tierarzt bestimmen lassen – das bringt Sicherheit für gesunde Katzen­babys.

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