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Phänologie

Gärtnern nach der Uhr der Natur

Garten | Montag, 20. August 2018, Helen Weiss

Kennt man die Jahreszeiten der Natur, lässt sich erfolgreicher gärtnern. Die Beobachtung natürlicher Prozesse im Garten ist die Grundlage für den phänologischen Kalender. Seit jeher liefert er Gärtnerinnen und Landwirten wichtige Erkenntnisse. 

Die vier Jahreszeiten kennen wir alle. Nur die Natur offenbar nicht. Denn oft genug schert sie sich überhaupt nicht darum, überrascht uns im Frühsommer mit Frost oder beschert uns an Weihnachten dank eines Föhneinbruchs 20 Grad. Auch Tiere und Pflanzen halten sich nur bedingt an unseren Kalender und orientieren sich stattdessen an Temperaturen und Umgebungslicht. Aus den Beobachtungen dieser natürlichen Erscheinungen prägten Bauern, Gärtner und Wissenschaftler im 18. Jahrhundert den phänologischen Kalender. Die phänologischen Jahreszeiten sind nicht auf den Tag genau festgelegt. Das unterscheidet sie von den meteorologischen und kalendarischen Jahreszeiten.

Die Phänologie beruht vielmehr auf dem Blüh- oder Fruchtbeginn bestimmter Pflanzen. Wahrscheinlich hätte es ein Bauer des 18. Jahrhunderts weit weniger gespreizt erklärt. Vielleicht hätte er einfach gesagt: «Der Sommer beginnt, wenn die Süsskirschen reif sind und der Klatschmohn in voller Blüte steht.» Das mag zwar wenig exakt klingen, doch: «Die Phänologie ist im Endeffekt zuverlässiger als ein Datum», sagt Eveline Dudda. Die Agrar- und Gartenjournalistin plädiert in ihrem Buch und Blog «Spriessbürger» darauf, wieder stärker auf die Zeichen der Natur zu achten, statt sich stur an Aussaatkalender und Eisheilige zu halten.

Zehn statt vier Jahreszeiten 
Denn je nach Region und Witterung beginnen der Frühling oder der Sommer nun mal immer an einem etwas anderen Termin – das kann sowohl von Jahr zu Jahr als auch von Region zu Region variieren. «Im Appenzellerland dauert der Winter länger als in Basel», gibt die Fachfrau ein Beispiel. Witterungsbedingt gibt es zudem häufig starke «Ausreisser» nach vorne oder hinten. «Ist etwa der Vorfrühling flächendeckend kalt und nass, kann sich der Frühsommeranfang um bis zu vier Wochen nach hinten verschieben», sagt Dudda. Deshalb tut man etwa gut daran, seine Kartoffeln nicht stur am 21. März einzugraben, sondern sie erst zu pflanzen, wenn die Forsythien verblüht sind.  

Der phänologische Kalender gliedert das Jahr denn auch nicht in die klassischen vier Jahreszeiten, sondern in zehn Phasen, deren Beginn und Ende durch charakteristische Entwicklungsstadien bestimmter Gewächse, sogenannter phänologischer Zeigerpflanzen, signalisiert wird. «Als Zeigerpflanzen wählte man Arten, die möglichst überall wachsen und dadurch ein breites Spektrum abdecken», erklärt Dudda. So bringen etwa Schneeglöckchen und Haselkätzchen Kunde vom Vorfrühling, während der Hochsommer durch die Blüte der Sommerlinde und das Reifen der Johannisbeeren eingeläutet wird. Das phänologische Kulturjahr endet, wenn sich im Spätherbst das Laub der Stieleiche verfärbt und die Eberesche ihre Blätter abwirft.

Selbstverständlich lassen sich die phänologischen Jahreszeiten nicht nur an den bestimmten Zeigerpflanzen ablesen: «Man kann sie auch an Vergleichspflanzen im eignen Garten erkennen», sagt Dudda. Wer also wie die Gartenfachfrau keine Forsythie im Garten hat, kann den Beginn des Vorfrühlings trotzdem bestimmen. «Ich habe eine bestimmte Sorte Narzissen, die zum selben Zeitpunkt blüht und an der ich mich orientiere.»

Pflanzen irren sich nicht 
Doch nicht nur an Pflanzen lassen sich die idealen Zeitpunkte für Aussaat oder Pflanzung ablesen: Auch Beobachtungen aus der Tierwelt wie das Eintreffen der ersten Schwalben oder das Schlüpfen der Maikäfer können helfen, erfolgreich im Rhythmus der Natur zu gärtnern. «Wenn die Stare in meinem Garten den Nistkasten beziehen, weiss ich, dass ich die ersten Salate ins Frühbeet pflanzen kann», erzählt Dudda.

Hilfreich ist es laut der Expertin, wenn man sich die Beobachtungen notiert und so mit der Zeit ein Gespür für die Zeigerpflanzen oder -tiere im eigenen Garten entwickeln kann. Der phänologische Kalender ist ein genialer Zeitplan. Trotz allem ist man auch damit nicht vor plötzlichen Frosteinbrüchen im Frühling gefeit. Doch die Zeichen der Natur sind äusserst zuverlässig, wie Dudda betont. «Pflanzen dürfen sich nicht irren. Blühen oder treiben sie zu früh, riskieren sie den Tod.»

Netzwerk von Beobachtern der Natur und der Jahreszeiten: www.phaenonet.ch

Phänologischer Kalender von Eveline Dudda: www.spriessbuerger.ch/tag/phaenokalender

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